Fieberhaft beobachten wir die ganze Woche über die Wettervorhersage für den Alpstein. Am Samstag beschließen wir, es einfach zu versuchen: die Besteigung des Altmann über die Südwand. Der Altmann ist mit 2436m der zweithöchste Gipfel im Alpstein, und ein guter Bekannter von mir. Ich habe dort noch einen Sack hängen, den ich mir holen will.

Um Zeit zu sparen, nehmen wir die Säntisbahn und durchmessen die Hallen in großen Schritten. Draußen, am Einstieg zum Lisengrat empfängt uns eine dicke Suppe schwül-warmer Wolken. Nur für kurze Augenblicke reisst es auf und wir sehen bizarre Felsformationen durch die Nebelschwaden. Der Wind ist kalt und feucht, der Weg aber gut zu gehen. Nun, wir merken schon am ersten Anstieg, dass wir in diesem Jahr mehr Sportklettern waren und herzlich wenig für die allgemeine Kondition getan haben. Gegen 16:00 Uhr erreichen wir die Hütte am Rotsteinpass, dort verbringen wir einen gemütlichen Hüttenabend mit Spielen und leckerem Essen. Die Wirte sind froh, dass überhaupt jemand hier oben ist, schließlich sei für Sonntag dann Gewitter angekündigt. Gewitter? Na dann… Ab Mittags soll es los gehen.

Wir beschließen, früh aufzustehen, das Wetter, unsere Verfassung und sonstige Faktoren mit einzubeziehen und zu entscheiden, ob wir die knappe zwei Stunden zum Einstieg in die Südwand, dann weitere zwei bis drei Stunden Kletterei und einen Rückweg von drei Stunden wagen werden.

Pünktlich um sieben Uhr zum Frühstück, andere Gäste packen und stürmen los in Richtung Tal. Der Abschiedsgruß von der Wirtin: “kommet guat runter!”. Trotz sternklarer Nacht sieht man die nur wenige Meter entfernte Wand des Altmann nicht, die Wolken pfeifen über den Grat, es ist kalt, nass und ungemütlich. Ohne viel zu reden, oder gar zu diskutieren, nehmen wir den Lysengrat ein weiteres Mal, zurück zur Seilbahn. 

Diesmal ist es kein gemütliches Schlendern mehr, wir geben Gas, die eisigen Böen zerren an uns und überziehen alles mit einem feuchtkalten Wasserfilm. Nach dem Gewitter heute Nachmittag wird es wohl Schnee geben in der Nacht. Den Grat möchte ich bei Regen nicht unbedingt gehen. So beliebt der Lisengrat ist, so speckig und rutschig sind auch die in den Fels gehauenen Stufen. Mit der zehn Uhr Bahn gondeln wir dem Parkplatz entgegen.

Ein seltsames Gefühl: wir haben das erste Mal eine Entscheidung zu Gunsten der Sicherheit treffen müssen. Klar war es vernünftig, früh abzusteigen, auf die Tour zu verzichten und nicht auf dem zwar unschwierigen, aber dennoch teils ausgesetzen Grat womöglich in ein Unwetter zu kommen. Andererseits hätten wir es vielleicht geschafft, die Südwand geklettert, bei Nieselregen über den Grat gekommen und beim Unwetter schon im Auto zu sitzen. Es war eine Sache von ein, zwei Stunden.

Schaut Euch die Photos an und entscheidet selbst – war es die richtige Entscheidung? Oder hätten wir es versuchen sollen?

Literatur:

Werbeanzeigen

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.