Lange Tagestour von Riazzino (197m) über die Borgna-Hütte (1912m) auf den Pizzo di Vogorno (2442m) und hinunter über Vogorno (500m) nach Tenero (197m).

Wir kommen um Viertel vor Zwölf mit der Bahn in Riazzino an, es ist immer noch schwülwarm und der Vollmond steht am Himmel. Bis zum Wanderweg geht es einen Kilometer die Strasse nach Ostetn, und am Abzweig P. 205 angekommen ziehen wir erstmal alles aus. Ich laufe in T-Shirt weiter, der Kumpel oben ohne. Eigentlich wollten wir ja eine Viertausendertour machen, die Wettervorhersage sagte ab Mittag aber Gewitter über der ganzen Schweiz voraus, was uns für eine Tageshochtour etwas zu heikel erschien. Stattdessen also diese Mittelmeerklimatour, bei gänzlich anderen Verhältnissen.

Der Weg zieht sich über die Steilstufe hinauf nach Piandesso. An P. 352 wählen wir die linke Strasse und gelangen rasch nach Agarone, wo die Leute noch in ihren Grottos sitzen und die Fussball-WM schauen. An P. 329 stösst man auf die Hauptstrasse, welche vom Tal kommt, verlässt sie aber schon in der nächsten Serpentine und erreicht den Wanderweg, welcher nach Monti Velloni leitet. Durch den Wald geht es steil bergauf, hier und da starrt uns ein leuchtendes Augenpaar durch die Dunkelheit entgegen. Über die Alpe Ronchi erreicht man dann Monti Velloni (P. 1023), eine baumfreie leicht geneigte Alpebene, mit im Vollmond stehenden grauen typischen Tessiner Steinhäusschen. Der Weg führt nun weniger steil zu Monti Pianelle (P. 1214) und von dort weiter nach Monti della Gana (P. 1286). Immer wieder drehen wir uns um und schauen auf die Ebene weit unter uns, mit ihren strahlenden Ortschaften und vom Mond beleuchteten Wasserflächen.

Von hier folgen wir den Schildern zur Alpe di Sassello (P. 1673), wo wir Wasser nachfüllen und nochmal kurz entspannen. Jetzt ist es nur ein Katzensprung und auf beinahe ebenem Weg erreichen wir die Forcola (P. 1710). Dieser Pass erlaubt einem, ohne großen Höhenverlust die zurückgestellte Reihe des Pizzo di Vogornos usw. zu erreichen. Jetzt sehen wir im Mondlicht unser Ziel weit vor uns, und der Weg verläuft von hier an zwei Kilometer an einem Berghang entlang. In etwas rauf und runter müssen wir ein paar Lawinenkegel überqueren, die allerdings alle ziemlich gut verfirnt sind. Und wir im T-Shirt drüber… Bei der Abzweigung P. 1762 wählt man am besten den rechten Weg, der ohne steile Stellen stetig der Hütte entgegen führt.

Um 4 Uhr in der Früh erreichen wir dann die Cap. Borgna (1912m) vom SEV, eine wunderschön gelegene Selbstversorgerhütte in typischer Tessiner Architektur. Von Riazzino haben wir also 4 Stunden gebraucht, auf den Schildern wird dieser Weg mit 6 Stunden angegeben.

Hier vor der Hütte legen wir uns erstmal eine gute Stunde hin, um etwas Kraft zu sammeln (und Schlaf) für den bevorstehenden Restweg auf den Gipfel. Der Wecker klingelt eine Stunde später um 5:30 Uhr, der Himmel ist schon taghell, und die Sonne beleuchtet schon die Walliser Viertausender, welche von hier super zu sehen sind. Über den Berghang geht es immer leicht bergauf der Btta. di Rognoi entgegen, bis der Weg sich knapp hinter P. 2063 verzweigt. Hier folgt man dem schmalen Pfad unter dem Grat entlang Richtung Westen. Der Weg ist nach dem Winter an manchen Stellen abgerutscht, aber durch die Sonne ist alles trocken und stabil. Unter den Felsen vom Gipfelaufbau hindurch erreichen wir die Schlüsselstelle, wo der Weg sich seinen Weg durch den Felsriegel sucht, und manchmal auch die Hand verlangt. Hier muss man aufpassen, vor allem damit der Nachfolger keine Steine auf den Kopf bekommt. Nach den ca. 40 Metern dieser Steilstelle befindet man sich auf dem Rücken, der nach den letzten 140 Höhenmetern im Gipfelplateau (2442m) endet. Mit gleich vier Steinmännern, Gipfelbuch und Gipfelkanone (von 1908!) ist dieser ziemlich gut ausgestattet.

Von der Hütte bis hierher haben wir 1,5 Stunden gebraucht. Ein paar kleine Restschneefelder hat es noch, aber keines wird gequert.

Auf dem Gipfel fasziniert der Ausblick in alle Himmelsrichtungen. Wie vorhergesagt ist es noch praktisch wolkenlos, nur im Süden über der Poebene hängt die dunkle Suppe. Der Blick reicht von den Walliser Viertausendern über die in den Berner Alpen bis hin zum Berninamassiv. Der Wahnsinn! Und natürlich hinunter auf den Lago Maggiore, mehr als 2000 Meter unter einem. Direkt im Norden reicht der Blick über das Verzascatal, deren steile Berghänge und zerklüfteten Gipfel so charakterisierend für das Tessin sind.

Nach einem ausgiebigen Gipfelschläfchen machen wir uns auf den Weg. Westlich vom Gipfelaufbau vorbei geht ein blau-weiß markierter alpiner Steig zur Alpe Bardughè, welchen wir wählen. Direkt am Gipfel allerdings nehmen wir die Abkürzung mehr oder weniger direkt am Nordgrat entlang, das Gelände ist schön gestuft und mit herzhaftem Zugreifen hier und da geht es diese schöne Landschaft hinab. Zur rechten fällt die Flanke fast senkrecht zur schneebedeckten Arpigia hinab, zur linken verläuft der Steig immer so 20 Meter unter uns in der Flanke. Es kommen zwei Leute entgegen, die den Berg von der Alpe aus machen (nach dort kommt man mit der Seilbahn). Auf dem schmalen Steig geht es steil auf den Grashängen hinab, bis wir auf 1639 m die Alpe Bardughè erreichen, eine Ansammlung von malerisch gelegenen Steinhäusern mit Schweizerflaggen davor. Hier werden wir erstmal von ein paar aufdringlichen Pferden angesabbert, die eine Vorliebe für unsere Stöcke haben und wir diese erst wieder einsammeln müssen, bevor wir uns weiter unten einen geeigneteren Pausenplatz suchen. Von hier hat man eine super Aussicht auf das vordere Verzascatal, mit dem aufgestauten Lago di Vogorno im Talgrund.

Die Sonne scheint immer noch, und wir machen uns auf den weiteren langen Runterweg. Man hat das Gefühl, durch das blühende Leben zu laufen, andauernd schwirren mindestens zehn Schmetterlinge um einen herum und die Wiesen verströmen starken Frühlingsduft. Über Corte-Nuovo (P. 1250) geht es dann im Zickzack im Wald runter und man erreicht nach einer Weile Costa Piana (665m) und gleich darauf die Abzweigung nach Vogorno. Wir allerdings folgen direkt dem Wanderweg Richtung Berzona, der sich kurz den Wald weiter runterwindet und dann auf die Straßenbrücke trifft, die in ca. 40 Meter Höhe einen Seitenarm des malerischen Stausees überwindet.

Jetzt heisst es, die fehlenden Kilometer nach Tenero runterzureissen. Der Weg folgt in stetigem Auf und Ab den Berghang entlang, an Berzona und Fontöbbia vorbei. Von der Strasse hört man ständig Motorräder und Autos herauf, zu sehen ist sie aber nicht. Hier im Wald ist es zum Glück recht kühl, auf Lichtungen steht die heiße Luft und erdrückt einen fast. Nach ca. 1,5 Stunden erreichen wir so die Staumauer, von der heute Bungee gesprungen wird, und mit den Schreien im Hintergrund folgen wir dem Weg weiter nach Gordeno. Nun gehts nur noch bergab, wir erreichen den Ortsrand und steigen stetig der Ebene entgegen. Noch die Brücke über die Verzasca, dann ist man schon in Tenero und erreicht nach 10 Minuten den Bahnhof.

Den Tag ausklingen lassen, das geht dann am besten mit einem kleinen Bad im Lago Maggiore 🙂

Für einen Tag recht lange Tour (32 km) mit ca. 2600 Hm. Von Vogorno nach Tenero kann allerdings der Bus genommen werden, was die Länge schon wieder entspannter macht. Ausrüstung wetterabhängig, bei Regen kann die Schlüsselstelle sowie der Abstieg auf dem markierten Steig gefährlich rutschig werden.

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Fabian
Fabian ist ein sportbegeisterter Student aus Konstanz, viel in den Bergen unterwegs, am Liebsten auf Skitouren, Bergtouren, Hochtouren, Hauptsache lang und anstrengend!

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