Premiumwanderweg Seegang

Am Bodensee wurde 2014 ein neuer Wanderweg eröffnet, der “Seegang”. Er führt zwischen Konstanz und Überlingen durch die liebliche Landschaft des Überlanger Sees, dem beinahe fjordartigen und teils noch unverbauten nördlichen Teil des Bodensees. An den Ufern des Bodensees, durch Wälder, Obstplantagen, Weinbergen und an kulturellen Schätzchen vorbei geht es auf etwa 53 Kilometern durch eine von Deutschlands schönsten Landschaften.

Konstanz, sechs Uhr, trocken und die Haare sitzen 

Der offizielle Start der Route ist ungefähr vier Gehminuten von meiner Haustüre entfernt! Am Sonntag früh, noch in der Dunkelheit um sechs Uhr, treffen wir uns an der Straßenecke der Seestraße und marschieren ohne Umschweife los. Wir wollen sehen, ob sich der Seegang mit seinen 53km und vier Etappen auch an einem Tag erwandern lässt.

Wanderweg Seegang: Morgendämmerung in Konstanz
Wanderweg Seegang: Morgendämmerung in Konstanz

Der See im Sonnenaufgang ist einfach herrlich! Durchströmt vom Glück, hier leben zu dürfen, wandern wir am Ufer entlang bis zum Hörnle, und noch weiter bis zum Fähranleger Staad. Wir haben ein ordentliches Tempo ‘drauf und sind dermaßen in Gespräche verwickelt, dass wir den Abzweig zum offiziellen Weg über die Uni verpassen. Wir gehen einfach am Ufer entlang weiter, spätestens an der Insel Mainau treffen wir wieder auf den Seegang.

So ruhig habe ich die Blumeninsel Mainau noch nie erlebt, es ist kurz vor acht Uhr und nur einige Mitarbeiter machen sich bereit für den sonntäglichen Ansturm. Wir gehen schnell weiter.

Beschilderung der Vier Länder Region Bodensee zum Wanderweg Seegang
Beschilderung des Wanderwegs Seegang

Nach einem weiteren kurzen Verhauer in Litzelstetten sind wir wieder auf dem Weg, der nun ein Stück durch den Wald des Bodanrück führt. Oberhalb von Dingelsdorf, bei Kilometer 15, pausieren wir kurz und lassen uns unser Frühstück mit Seeblick schmecken.

Pause bei Dingelsdorf
Pause bei Dingelsdorf

Schon kurz darauf beschließen wir in Wallhausen, noch einmal eine Rast einzulegen. Bei einem Kaffee im Dorfladen entwickelt sich ein unterhaltsames Gespräch mit einem urigen und kenntnisreichen Künstlertypen, der so einiges zur Geschichte des Dorfes, des Bodanrücks und seinen Burgruinen und überhaupt zum Bodensee zu erzählen hat. Etwas mühselig gestaltet sich die Verabschiedung, er hätte ja noch so viel zu erzählen, wir jedoch wollen heute noch nach Überlingen und haben erst ein Drittel des Weges geschafft!

Uferweg und Marienschlucht

Der Uferweg von Wallhausen nach Bodman ist gesperrt. Hier geschah erst vor kurzem ein tragisches Unglück, als nach tagelangem Regen in der Marienschlucht der Hang abrutschte und eine Frau unter sich begrub. Seitdem wird der Wanderweg Seegang umgeleitet und führt nun oberhalb des eigentlich wunderschönen Uferwegs entlang.

Es ist seit Tagen trocken, und da ich den Uferweg ganz gut kenne, entscheiden wir, es trotzdem zu versuchen. Sehr vorsichtig und so schnell wie möglich queren wir einige heftige Auswaschungen, die für Normalwanderer tatsächlich nicht machbar sind. Andererseits gibt es auch schon wieder deutliche Pfadspuren. Nun ja, noch einmal würde ich das nicht machen, aber mit dem Ziel, über 50 Kilometer an einem Tag zu schaffen, geht man vielleicht doch auch unnötige Risiken ein.

Wanderweg Seegang: der Uferweg zwischen Wallhausen und der Marienschlucht
Der Uferweg zwischen Wallhausen und der Marienschlucht
Wanderweg Seegang: Pause kurz vor Bodman
Kurz vor Bodman

Hinter der Marienschlucht ist der Weg wieder geöffnet, und wir teilen die Wegverhältnisse einigen Touristen mit, beziehungsweise schicken wir sie wieder zurück. Wieder verlassen wir die offizielle Wegführung und bleiben am Ufer bis Bodmann, statt über den Golfplatz oberhalb am Bodanrück zu wandern. So lassen wir auch einen Besuch der Bisonstube Bodenwald und die Burgruine Altbodman aus.

Wanderweg Seegang: Das Schloss Bodman
Das Schloss Bodman

Gerade als wir an der Promenade in Bodman ankommen, beginnt es zu regnen. Wir flüchten uns unter die Schirme eines kleinen Restaurants direkt am See. Frustriert starren wir auf den See. Eine Regenjacke haben wir natürlich nicht dabei. Zwei Liter Wasser, einige Müsliriegel, Gels und ein langärmeliges T-Shirt für den Abend, das war’s. Fast and light halt.

Wanderweg Seegang: Regenpause in Bodman
Regenpause in Bodman

Gerade als wir uns damit abfinden, die Tour abzubrechen und es ein anderes Mal zu versuchen, klart es wieder auf!

(Wetter-)Glück muss man haben 

Die Wettergötter sind uns gnädig. Zum Dank marschieren wir weiter und stellen erfreut fest, dass wir schon so ziemlich die Hälfte des Weges geschafft haben. Nun ist es klar: wir schaffen es definitiv bis Überlingen! Durch das Ried zwischen Bodmann und Ludwigshafen führt ein schöner Wanderweg, vorbei an knorrigen alten Bäumen, rechts und links des Weges wächst urtümliches Gestrüpp. So nach dem klärenden Regen, wenn sie Sonne durch’s Blätterdach scheint, wirkt alles sehr lebendig, glitzernd und klar.

Wanderweg Seegang: durch das Ried zwischen Bodmann und Ludwigshafen
Durch das Ried zwischen Bodmann und Ludwigshafen

In Ludwigshafen fallen uns zwei Dinge auf: die öffentlichen WCs sind sehr sauber, und der Künstler Lenk hat sich auch hier verewigt. Unbedingt sehenswert! Also die Kunst, nicht die WCs. An der Bahnlinie entlang geht es wenig schön bis kurz vor Sipplingen. Hier erklimmt man den Seerücken und hat wieder herrliche Ausblicke bis tief in die Schweiz. Der Alpstein mit dem Säntis steht direkt hinter dem See, der Regen hat die Sicht geklärt.

Wanderweg Seegang: Blick auf den Überlinger See
Blick auf den Überlinger See

Beim Blick zurück Richtung Bodmann wirkt der Überlinger See wie ein Fjord und uns wird langsam klar, was wir schon Strecke gemacht haben bis hier hin. Gut, ganz der schon gewanderten Strecke entsprechend machen sich langsam auch Zipperlein bemerkbar. Die Fußballen schmerzen, die ersten zehn Minuten nach einer Rast sind schmerzhaft und bestimmt nicht elegant anzusehen. Die Oberschenkel brennen und die Sehnen ziehen.

Wanderweg Seegang: kurz vor Überlingen
Kurz vor Überlingen
Wanderweg Seegang: Trauben am Wegesrand
Trauben am Wegesrand

Schmerzen und Glück

Für die letzten Kilometer packe ich dann die Stöcke aus und schiebe mich die Anstiege hoch. Plötzlich, das magische Schild: Überlingen 11km. Darunter noch eines: Überlingen 8km. Wir entscheiden uns für den kürzeren Blütenweg, verlassen den Seegang also wieder. Durch Apfelplantagen steigt der Weg an, durch wilde Tobel und tief (sehr tief!) in den Sandstein eingeschnittene Wege erreichen wir schon leicht humpelnd und ungelenk Überlingen. Nein, erst Goldbach. Der Name ist hier Programm. Ein altes Schloss und ein modernes Villenviertel für den ebenso modernen Geldadel. Nicht wirklich schön. Ich bin mit einer Architektin unterwegs, und sie tut mir leid, so ein Anblick muss den Kenner ja noch mehr schmerzen.

Wanderweg Seegang: Ankunft am Strand in Überlingen
Ankunft am Strand in Überlingen

Endlich Überlingen, kurz vor achtzehn Uhr. Wir legen uns zwischen die Sonntagsspaziergänger in die Sonne, müde und glücklich. 45 Kilometer zeigt die Uhr, und wir haben ziemlich genau die veranschlagten zwölf Stunden dafür gebraucht. Nach der nun dringend nötigen Stärkung mit Bier und Pizza lungern wir noch in Überlingen herum und humpeln schließlich zum Schiff, das uns zurück nach Konstanz bringt.

Wanderweg Seegang: auf dem Schiff zurück nach Konstanz
Auf dem Schiff zurück nach Konstanz

Fazit zum Weg

Die meiste Zeit führt der Weg über geteerte Straßen und Waldwege, einige kurze Abschnitte könnten als Wanderweg bezeichnet werden. Das perfekte Testpiece also für lange Touren, oder für gesetztere Wanderer, die unterwegs viele schöne Möglichkeiten zum Einkehren und Übernachten haben.

Durch unsere bewussten und unbewussten Verhauer haben wir den offiziellen Weg um gute fünf bis acht Kilometer abgekürzt, normal wäre er 53 Kilometer lang.

Alle Informationen finden sich online, auch eine ausführliche Infomappe mit heraustrennbarer Karte kann hier bestellt werden.

Tipp: Der Seegang kann auch als Teil des Bodensee-Rundweg gegangen werden. Mehr Infos bei Bergleben.de

Literatur: 

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