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Hoch hinaus am Matterhorn

Hoch hinaus am Matterhorn

Schnelle Eintagestour auf den Prototyp eines Berges, das Matterhorn (4478m). Oder auch: Staustehen in der Turnhalle.

Da die Kumpels schon seit drei Tagen im Wallis rumtouren und ich mal eine Pause von der Arbeit brauche, entscheide ich mich für einen Tag zu ihnen nach Zermatt zu fahren. Die Frage nach dem Ziel ist schnell geklärt, da wir alle im Moment recht fit sind und die beiden dazu auch schon super akklimatisiert. Ich komme also um Mitternacht mit der schönen Matterhorn-Gotthard-Bahn in Zermatt (1605m) an und laufe durch die recht belebte Hauptstrasse. An diesem Ort wird man auch um diese Uhrzeit nicht krumm angeschaut, wenn man mit Gerödel durch die Nacht läuft. Am Murmeltierbrunnen erinnert eine Ausstellung an 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn, sehr passend für die persönliche "Erstbesteigung".

 

Ich folge den schönen Wanderwegen durch den typischen Walliser Weiler Zum See (1766m) und erreiche das Seilbahnverteilkreuz Furi (1867m), das an eine gelandete Raumstation erinnert. Die Sterne funkeln am wolkenlosen Himmel, die Wettervorhersage für morgen ist auch ausgezeichnet, und munter folge ich den Schildern Richtung Schwarzsee. In angenehmer Steigung gehts durch schönen Lärchenwald bis über die Waldgrenze. Die Gletscher am Dom und den anderen 4000ern sind hell vom Mond angestrahlt, fast brauche ich die Stirnlampe gar nicht. Zwei Schafsherden lassen sich (fast) nicht von mir stören und machen den Wanderweg nur widerwillig frei. Natürlich nicht ohne Hinterlassenschaften zu hinterlassen… Bald kommt auch wieder der ersehnte Gipfel in Sicht, wie er steil über einem aufragt. Und da soll ich heut noch hoch??

Bald erreiche ich den Schwarzsee (2552m), an dem ich die Wasservorräte nochmal ganz fülle, weil es oberhalb nur noch teures Wasser an der Hütte gibt. Die Kumpels biwakieren vorbildlich VOR dem Camping-Verboten-Schild knapp hinter Hirli (2775m) unter der Felswand. Von Zermatt hab ich ohne große Pausen 2,5 Stunden gebraucht, so dass ich mich auch noch eine Stunde hinlegen kann. Zu dritt wärmen wir uns gegenseitig auf zwei Isomatten…

 

Der Wecker geht um 4 Uhr, als auch auf der Hütte Losgehzeit ist. Da wir aber noch 1,5 Stunden zur Hörnlihütte (3260m) brauchen, laufen wir dem Haufen Menschen weit unterhalb hinterher und sind fast allein, das ist sehr angenehm auf dem Grat.

 

Hinter der Hütte gehts direkt los, jetzt heißt es 1200 Hm kraxeln und klettern, dass einem nicht langweilig wird! Die Wegfindung ist recht schwierig ab und zu, da hilft die Topo ganz ungemein, die ich vorher noch ausgedruckt habe. Die Kraxelei geschieht meistens im I. und II. Schwierigkeitsgrad, ein Ausrutscher sollte aber trotzdem nicht sein, da das Gelände durchgehend sehr steil ist. Bald nach dem Start geht auch schon die Sonne auf, es wird warm und unendlich angenehm, hier hochzuklettern. Das Seil holen wir erst an der Moseleyplatte heraus und sichern uns auf die Terrasse der Solvayhütte (4003m) hoch. Hier empfängt einen ein stinkender Haufen menschlicher Hinterlassenschaften. Warum erledigen die Leute das Geschäft nicht hintenraus die Nordwand hinunter? Da hätten dann erst in ein paar hundert Jahren die Leute das Problem an der Backe, wenn der Gletscher weg ist :) Fakt ist, dieser Verschlag ist nur für Notfälle gedacht, wird aber offensichtlich ganz regulär und geplant von einigen Leuten genutzt und ist entsprechend abgeranzt. Nein Danke!

Nach einer kurzen Pause, in der sich der Schlafmangel bemerkbar macht, gehts weiter zur nächsten Kletterstelle. Da meine Kumpels vom Weisshorn gut akklimatisiert sind, kann ich meine Steigeisen, Jacke und Getränke abgeben und bin von nun an rucksacklos unterwegs. Komisches Gefühl, ist aber besser für die Gesundheit in dieser Höhe. Kraxelnd gehts weiter auf die Schulter, und hier erwartet einen der ganz normale Matterhorn-Wahnsinn. An den Fixseilen hängen die ganzen Seilschaften, die schon auf dem Rückweg sind. In einem Schneckentempo wird runtergekeucht, die Bergführer sind großteils genervt und relativ kurz angebunden. Wir entspannen und warten das Seilchaos ab, bis das dicke Fixseil wieder frei ist. Wie damals in der Schulturnhalle kann man sich hier die IV-er Stellen hochziehen, die frei zu klettern in der Höhe schon eher Herausforderung ist. Jetzt kann man auch direkt die beeindruckende Nordwand einsehen, in der sich Eis und Schnee praktisch den ganzen Sommer über hält. Oberhalb der Fixseile müssen dann noch 100 Hm über das steile Gipfeldach aufgestiegen werden, ausrutschen ist hier absolut nicht erlaubt.

 

So erreichen wir um 11 Uhr unendlich glücklich den Gipfel des Matterhorns (4478m), und sind zusätzlich sogar alleine hier oben! Keine Wolke berührt den Berg, die Aussicht reicht in alle erdenklichen Richtungen. Wir sind überwältigt und freuen uns wie Schnitzel über diese Spontanaktion. Dazu geht es mir erstaunlich gut, trotz der fehlenden Akklimatisierung. Der Kumpel kraxelt noch schnell rüber auf den Italienergipfel (4476m), und nach einer kurzen Stärkung machen wir uns schon wieder auf den Rückweg. Zermatt, bzw. der Zug, wartet!

 

In vielen Berichten steht, dass für den Rückweg über den Grat fast dieselbe Zeit benötigt wird. Das haben wir noch nie erlebt, aber in der Tat haben wir runterwärts sogar länger gebraucht. Wo man schneller ist, das sind die Fixseile, an denen man wie in der Turnhalle herunterrutscht. Der ganze Rest jedoch wird praktisch abgeklettert, was ungewohnt ist und deswegen länger dauert. Man muss sich zusammenreißen, die ganze Zeit sich gut konzentrieren. Die Anspannung und Freude löst sich erst hinter der letzten Steilstufe direkt an der Hörnlihütte. Um 17 Uhr stehen wir auf der Terrasse und blicken zurück auf diesen unglaublich schönen Berg, der steil in den Himmel aufragt. Jetzt bilden sich erste Wölkchen am Gipfel, und wir machen uns rasch auf den Rückweg zum Biwak. Zum Ausruhen gönnen wir uns eine kurze Pause am/im Schwarzsee. Jetzt bin ich froh über die Sportschuhe, die ich gegen die Bergschuhe eintausche und mit luftigen Füßen den Rest unter die Beine nehme. Wir laufen den selben Weg zurück und beeilen uns, sodass wir um 21 Uhr in Zermatt ankommen. Breit grinsend gehts die belebte Strasse hinunter zum Bahnhof.

Wir habens geschafft, und gleichzeitig hat der Berg uns geschafft.

Datum: 28.07.2015
Länge: 25km
Dauer: 17h
Höhenmeter: 2950/2950
Zermatt, Schwarzsee, Hörnlihütte, Hörnligrat

Superschöne aber auch superlange Gratkraxelei/kletterei am Hörnligrat des Matterhorns. Von Natur aus sehr beliebter Berg, deswegen viele Leute unterwegs. Das führt zu Steinschlag an manchen Stellen, auf den man aufpassen muss! Ansonsten steht einem mit guter Akklimatisierung nichts im Weg, außer an den Fixseilen manchmal die Überforderten. Die Hörnlihütte ist absolut überteuert, um den Ansturm vom Berg fern zu halten würde ich mir die Fixseile sparen. Die Aussicht ist phänomenal. Vorsicht bei unsicheren Wettervorhersagen: Der Berg steht so dominant in der Gegend rum, dass Wetterstürze häufig Probleme bringen.

Am besten mit Zug/Auto nach Täsch, von dort Shuttlezug nach Zermatt. Die Gondel fährt hinauf zum Schwarzsee, man kann sie sich aber auch sparen.