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Gipfel Heimgarten

Couch, Garten, Herzog, See: Heimgarten by fair means

Mittwoch, 10 Uhr. Es ist der erste richtige Sommertag in diesem Jahr, und ich habe frei. Eigentlich ein perfekter Tag, um im Halbschatten herumzulümmeln und die Seele baumeln zu lassen. Aber irgend ein Automatismus hakte ein, und gegen 11 Uhr war ich, nur gestärkt durch vier Tassen Kaffee, schon auf dem Weg nach Ohlstadt.

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht mal mehr genau, wie ich auf diese Idee kam: Heimgarten "by fair means". Wahrscheinlich, weil mich der Klotz immer so schelmisch anfeixt, weil ich ihn schon einmal, damals mit Hilfe der Herzogstandbahn, "erklommen" habe. Weil schönstes Bergwetter ist, das bis in den Abend hinein halten soll.

 

Heimgarten im Hintergrund
Heimgarten im Hintergrund

 

Was es auch immer war, dieser Tritt in den Hintern saß. Ich trabe an der Loisach entlang. Nein, eigentlich fluche ich schon kurz hinter Murnau über die noch ungewohnte Hitze. Der neue Rucksack, extra für die Tour im Val Grande angeschafft, ist halb gefüllt mit etwa vier Liter Wasser, Sonnencreme, einer Hand voll Gels, warme Jacke, Regenjacke, Kamera, Kleinkram und schaukelt gemächlich vor sich hin. Nach etwa sieben Kilometern finde ich in Ohlstadt ein kleines Lädchen, gegenüber eine Bank. Im Lädchen einen rüstigen Herren, der mir eine Packung Kaminwurzn, zwei Brezn, 0,75l Wasser, Medium und ein Red Bull verkauft. Im Schatten der Friedhofsmauer lasse ich mich zum Brunch nieder.

Von hier unten sieht der Heimgarten gar nicht mehr so klotzig und groß aus, das sollte doch - jetzt ist es etwa Mittag - gut zu schaffen sein. Beim Aufstieg spiele ich schon mehrere Varianten durch: Bis zur Bärenfleckhütte und umdrehen. Bis zum Gipfel und wieder nach Ohlstadt absteigen. Oder über den Grat, mit der Bahn abfahren und mit dem Bus zurück. Immer einen Plan B in der Tasche haben, um variabel (oder besser: nach Lust und Laune; oder, ehrlicher: auf die eigenen, momentan noch kaum einschätzbaren konditionellen Möglichkeiten) reagieren zu können.

 

Sonnendurchfluteter Wald
Sonnendurchfluteter Wald

Stiller Beobachter

 

Ich ziehe recht flotten Schrittes durch das Wäldchen nach oben, lasse mich auch nicht weiter beirren von den doch zahlreich absteigenden Wanderern. Ein Blick auf die Uhr: Ein Uhr, das passt schon noch. Nach der Bärenfleckhütte, weit danach, spüre ich die Baumgrenze sehr deutlich. Es wird heiß. Über mir kreisen Hubschrauber. Die spärlichen Schneereste nehme ich gerne an und lasse sie flugs unter meiner Mütze verschwinden, wo sie auch ziemlich schnell wieder tauen. Zunehmend anstrengend, dieser Berg, fluch ich heimlich. Die Abstände zwischen Päuschen im Stehen werden geringer, und werden sowieso nicht mehr im Stehen gemacht. Das erste Gel tut gut.

 

Heimgartenhütte und Gipfel
Heimgartenhütte und Gipfel

 

Plötzlich, nach vielen Kehren, leuchtet die Hütte auf, am Gipfel dahinter stehen Menschen. Sehr gut, ich kann sie deutlich erkennen, dann kann es ja nicht mehr weit sein. Die Distanz ist allerdings nicht mein Problem, eher die noch zu bewältigenden Höhenmeter. Mittlerweile bin ich ziemlich ausgelaugt, mir ist heiß und ich erwische mich beim Blick auf die Wegweiser in's Tal. Was für ein Blödsinn, den Gipfel in Sichtweite. Also los, ich stapfe los, schnaufe, schwitze. Setze mich in den Schatten. Erst ein weiteres Gel hilft mir auf und auf den Gipfel.

 

Gipfelkreuz des Heimgarten
Gipfelkreuz und Panorama des Heimgarten

 

Dieses Panorama! Ein Blick auf die Uhr: irgendwas mit kurz vor vier Uhr. Absteigen is nich, mein Knie jammert schon beim bloßen Gedanken daran. Ich beeile mich, um schnell über den Grat zu kommen, die letzte Talfahrt mit der Herzogstandbahn ist 17:15 Uhr. Das Beeilen bleibt ein Versuch. Stechende Schmerzen im linken Knie, außen. Mist, das kenne ich. Bänder oder so, wahrscheinlich überlastet. Anwinkeln tut verdammt weh, aber es muss halt gehen. Bis ich dann, nach wenigen Schritten, versuche, den ersten 20 cm Absatz abzusteigen. Das linke Bein zuerst, auf die Stöcken abstützen und dann das rechte Bein nachholen, so geht's. Nun, der Weg über den Grat dauert entsprechend etwas länger als die einkalkulierten 45 Minuten. Die flachen Stücke versuche ich zu laufen, was, manchmal jedenfalls, gelingt. 

 

Der Gratübergang Heimgarten - Herzogstand
Der Gratübergang Heimgarten - Herzogstand

 

Völlig entspannte Trailrunner kommen mir entgegen, ehrfurchtsvoll mache ich Platz. Und genieße die kurze Pause. Der letzte Anstieg vom Grat zum Herzogstand macht mich fertig. Auf dem Grat blies ab und an ein kühles Lüftchen, aber hier staut sich die Hitze. Mit dem lädierten Knie ist klettern auch nicht so toll. Aber auch diese Hürde nehme ich, vom Herzogstand aus hinunter lasse ich es, so gut es eben geht, laufen.

Das muss jämmerlich ausgesehen haben: plump, mehr watschelnd als locker laufend, rollte ich die Kehren hinunter. An jeder Stufe abbremsen, linkes Bein vorsichtig runter, auf den Stecken abstützen, rechtes Bein nachholen, fluchen, und weiter rennen. Den ganz leicht abschüssigen Weg zur Hütte lasse ich laufen, traue mich sogar, die Bohlen, die über den Weg liegen, zu überspringen. Ein Blick auf die Uhr: 17:03. Wow, das könnte knapp werden. Kurz an der Hütte gefragt, wo es denn zur Bahn geht. Wertvolle Minuten verloren, eigentlich kenne ich doch den Weg. Alle Schmerzen sind vergessen, ich düse los, so schnell es geht, mit vollem Körper- und Stockeinsatz. Krämpfe in Waden und Schenkeln kündigen sich an. 17:14 Uhr, der Typ aus der Bahn winkt und fährt ab. Aaaaalter!

Ich fange mich relativ schnell wieder. Absteigen, mit diesem Knie? Nicht dein Ernst jetzt? Etwas ziel-, plan- und orientierungslos wanke ich zurück, komme am Wegweiser: "Walchensee, 1 ¾ Stunden" vorbei. Dann halt Abstieg. Hilft ja nix, ich muss ja morgen arbeiten, und kann nicht einfach auf der Hütte pennen und heulen.

 

Weit ist es nicht mehr zum Walchensee
Weit ist es nicht mehr zum Walchensee

 

Immer in 30 Minuten Abständen genehmige ich mir eine kurze Pause, dehne die Beine. Endlich finde ich auch etwas Wasser. Da fällt mir auf, dass ich auf dem Grat das letzte Mal getrunken habe. Immerhin habe ich kleines Beutelchen Salz dabei. In der Hoffnung, nun ohne Krämpfe halbwegs schnell da runter zu kommen, kippe ich Salzwasser in mich hinein, das letzte Gel verschwindet.

Ziemlich fertig komme ich auf dem leeren Parkplatz an.

 

 

 

 

 

 


Datum: 17.05.2017
Schwierigkeit: T2
Länge: 23km
Dauer: 8:30h
Höhenmeter: 1700 / 1600
Murnau - Ohlstadt - Heimgarten - Herzogstand - Walchensee

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