Eines vorweg: die Bergwacht gibt es aus einem einzigen Grund – damit sie Hilfe in den Bergen leisten kann! Damit sie gerufen werden kann, um Menschen in einer (Berg-)Notlage zu helfen. Warum man solche simplen Feststellungen gleich zu Beginn eines Meinungs-Artikels festhalten muss, ist an sich ja schon überlegenswert, und im Verlauf des Artikels werden wir daran erinnert, dass selbst so grundlegende Feststellungen im Konglomerat der Meinungen scheinbar verloren gehen.

Ich folge in den Sozialen Medien den Bergwachten des Umkreises. Nach besonderen Einsätzen posten sie kurze Beschreibungen des jeweiligen Einsatzes und fügen einige Fotos hinzu. Man könnte – wenn man denn wollte – durch diese Beitrage etwas lernen, über die Route, die Wetterbedingungen, und ganz Allgemein über die Gefahren, die auch auf scheinbar “einfachen” Bergen auftreten können, wenn ein paar Dinge unglücklich zusammenkommen – also die sprichwörtliche “Verkettung unglücklicher Umstände”.

(Un-)soziale Medien

Aber siehe da, die, sagen wir wie es ist: bösartigen und menschenverachtenden Kommentare tropfen wie schleimiges, ekliges Zeug herein. Unisono wird gefordert, dass die Geborgenen den Einsatz doch bitte selber zahlen sollen. Das scheint für viele das Allerwichtigste zu sein: das Geld. Per Ferndiagnose wird, im Nachhinein, fein säuberlich aufgelistet, was die Geretteten wohl alles falsch gemacht haben. Vom Wetter über Schuhwerk, man kennt die üblichen Sprüche ja.

Es folgen einige ausgewählte Zitate aus den Kommentaren der letzten beiden Posts der Bergwacht Garmisch-Partenkirchen bei Facebook (bezüglich Kramer, 14.6. und Jubi-Grat, 11.6.) zur Verdeutlichung, was da abgeht:


Unsoziales auf den Bergen

Ja, wir haben einen “run” auf die Berge, und Wandern, Klettern, Bergsport allgemein ist in Mode. The mountains are calling… und das ist gut so! Ganz sicher sind auch Menschen auf Touren unterwegs, die ihnen Mühe bereitet und denen sie subjektiv oder gar objektiv (wer beurteilt das eigentlich?) vielleicht nicht gewachsen sind. Aber wie sollen Menschen wachsen, wenn nicht an ihren Aufgaben? Nicht sehr unverhohlen trieft aus so manchem Kommentar reflexhaft ein alpiner Elitismus, der mich zum Würgen bringt.

Gerade im Umfeld des DAV, der historisch und beinahe schon bipolar um sein eigenes Verhältnis zu Pluralismus und Elitismus ringt, stoße ich mich daran. In Kletterhallen, auf Berghütten, überall kommt es immer wieder zu klebrigen Mutmaßungen oder schlüpfrigen Bemerkungen. “Wir, die wahren Bergsportler und … die Anderen” ist sicherlich kein Markenzeichen des Bergsportes – oder etwa doch?

Sicher ist es schwierig, einen an sich und aus sich selbst heraus elitären Sport wie dem Bergsteigen weltoffen und pluralistisch zu leben. Aber im 21. Jahrhundert erwarte ich da einfach mehr, ganz offensichtlich unbegründet und sicher erwarte ich da auch zu viel.

Die Alpenvereine, konkret der DAV

Ja, vielleicht gibt es eine “Vollkaskomentalität”, wie der DAV mault. Aber ist es nicht auch der DAV selbst, der die Werbetrommel der alpinen Betätigung kräftig rührt, der den Ausbau der Berghütten anregt, um möglichst schnell und glatt Konsumwünschen zu entsprechen? Heiße Dusche und kaltes Bier statt Eintopf und Wasser am Berg? Oder will der DAV nun die Versicherung abschaffen, die ja anscheinend ein gewisses unerwünschtes Verhalten begünstigt?

In einem Beitrag von 2017 jedenfalls stellt Bernhard Kühnhauser vom DAV fest, dass zwar die Zahl der tödlich Verunglückten stetig abnimmt, aber die Rettungen wegen Blockierung und Überforderung zunehmen. Und sucht, selbstverständlich, den Grund dafür zu erst nicht im eigenen Dunstkreis, sondern allgemein bei den Opfern (respektive den Geretteten): “gravierende Fehleinschätzungen des eigenen Könnens und der Unterschätzung der alpinen Gefahren”, dem “Aufforderungscharakter” von Klettersteigen und versicherten Steigen oder dem Jubiläumsgrates – und natürlich in der Selbstdarstellung in den Sozialen Medien und den mangelhaften Tourenbeschreibungen der Blogger.

Etwas später stellt der Autor lakonisch fest, dass in der Satzung des DAV zwar steht, dass der DAV “die Bereisung der Alpen zu erleichtern” habe, aber dass der Zugang mittlerweile vielleicht “für viele zu leicht” geworden sein könnte und will also sogleich “mentale Hemmschwellen” einrichten. Neben einigen mehr solcher Ideen kommt er dann auf die Idee, die “Vollkaskomentalität reduzieren” zu wollen. So stellt sich der DAV vor, dass da Menschen unterwegs sind, die seiner Meinung nach denken sollen: “der Alpenverein zahlt ja, wenn und (sic) die Bergwacht holen muss” – und überlegt prompt, einen “Selbstbehalt für Bergungen aufgrund Blockierung und Überforderung” sowie “vollständige Kostenübernahme bei grober Fahrlässigkeit” einzuführen.

Auch in offiziellen Pressemitteilungen zur Bergunfallstatistuk aus z.B. 25.7.2012 liest man über diese “Vollkaskomentalität” der DAV-Mitglieder. Hier wird tatsächlich, etwas überlegter, die Ambiguität aufgegriffen, dass jede Bergung unverletzter Bergsportler zwar erfreulich sei, da so auch schlimmere Folgen verhindert werden können – andererseits wird die “sinkende Schwelle, einen Notruf abzusetzen” beklagt.

Im Jahr vorher noch, am 22.3.2011 reagierte der DAV empört auf die Kritik des Bergwachtchefs aus Mittelwald (der vielleicht so erst das Wort der Vollkaskomentalität in’s bergsportlerische Sprachspiel gebracht hat): “Niemand wird ein erhöhtes Risiko eingehen, nur weil er eine Versicherung hat” und konstatiert, daß die Rückläufigkeit der Unfälle der AV-Mitglieder “der klare Beweis (ist), dass das Risikobewusstein und der Ausbildungsstand unserer Mitglieder höher geworden ist.” Es gebe also überhaupt keinen Anlass, an dem bisherigen Zahlungsmodus etwas zu ändern.

Die Presse macht natürlich aus Anekdoten sogleich Schlagzeilen: Notrufe ohne Notfälle überall und ständig, diese unverantwortlichen Bergsportler bringen sich und die Retter ohne Not in größte Gefahr.

Ja, Bergrettung ist ein gefährliches Unterfangen, zudem von bestens ausgebildeten Ehrenamtlichen ausgeführt, und doch wage ich zu behaupten, dass den Rettern bei der Bergung eines “Nicht-Notfalls” weniger Gefahren drohen als bei “echten” Notfällen.

Das Argument, dass für die Bergung einfacher Blockierungen und Erschöpfungen die Retter für andere, womöglich tragischere Notfälle blockiert sind, gilt natürlich vollumfänglich. Allerdings ist das ein Verteilungsproblem, das alle Not- und Rettungsdienste bewerkstelligen müssen und auch gut bewerkstelligen. Das gehört zu den Grundlagen des Rettungswesens, und es haben sich im Laufe der Zeit viele Methoden herausgebildet, diesem Problem angemessen und professionell zu begegnen.

Nicht zuletzt sei noch der Kommentar (eigentlich eine Frage) angebracht: der DAV bringt mit seinen Expeditionskadern regelmäßig Menschen ganz bewusst in objektive Gefahren. Hier schließt sich die Frage an: was sind objektive Gefahren, was ist Risiko, welches Risiko ist vertretbar – und mit der Frage nach dem Risiko eng verwoben: was ist Sicherheit? Vielleicht erörtere ich die Thematik des Risiko und Unsicherheit in einem weiteren Artikel, bis dahin sei es dem Leser selbst überlassen, sich dahingehend seine Gedanken zu machen.

Die Bergwachten

Befragen wir aber die Bergwacht Bayern selbst zum Thema “Risiko”, zeichnet sich ein ganz anderes, aufgeklärtes, optimistisches und wesentlich menschenfreundlicheres Bild:

“Die Bergwacht Bayern glaubt, dass es normal und richtig ist, sich neugierig, wagemutig und erkundend zu verhalten, um die Fähigkeiten zu erlangen, die unsere Gesellschaft zum Überleben braucht. Beim Erwerb dieser Fähigkeiten drohen Gefahren und Verletzungsrisiken. Es ist ein Teil unserer Aufgabe, dem leistungsbereiten Menschen Rückendeckung zu geben und ihn zu unterstützen bei seinen Abenteuern, die oftmals Trainingseinheiten für die wichtigen Aufgaben des Lebens sind.”

Positionen” Bergwacht Bayern

Die Bergwacht Bayern jedenfalls freut sich über finanzielle Unterstützung und bietet im Notfall weltweite Rund-um-Betreuung:

Welche Vorteile entstehen ihnen durch die Förderung?

(…) Außerdem sind Sie und Ihre Angehörigen versichert und werden bei Unfall oder Krankheit weltweit im Ausland im Rahmen des DRK-FLUGDIENSTES zurückgeholt. Im Notfall steht für Sie, je nach medizinischem Notfall, ein modernes Ambulanzflugzeug mit einer Intensiveinheit bereit. Zwei Piloten, ein flugerfahrener Notarzt und weiteres medizinisches Personal bilden ein Team, welches Sie Bestens versorgt in ein deutsches Krankenhaus verlegt und betreut. Sie brauchen sich also weiter um nichts kümmern.
Sie können den Beitrag als Spende voll von der Steuer absetzen.

Aus: Homepage Bergwacht Bayern / Bergwacht GAP

Diskussions- und Denkanstöße

Genau an dieser Stelle des mittlerweile etwas zerfaserten Gedankenganges möchte ich zusammenfassend drei Diskussions- und Denkanstöße geben:

  1. Hinter einem Selbstbehalt oder der kompletten Kostenübernahme versteckt sich die Idee der Bestrafung der Opfer sowie die grundsätzliche und vorwegnehmende Infragestellung des Opferstatus. Gleichzeitig werden Menschen bevorzugt, die die finanziellen Möglichkeiten haben. Das Bild reicher Schnösel, die sich in den Bergen tummeln und sich einfach ausfliegen lassen, wenn sie nicht mehr weiter kommen, erhärtet sich noch. Diejenigen, die finanziell nicht so gut ausgestattet sind, gehen schon jetzt nicht in die Ferien und in die Berge. Wie oft trifft man in den Bergen oder auf den Hütten marginalisierte Menschen, dazu noch solche mit nur wenig Geld? Genau so kann man bestehenden Verhältnisse zementieren und sich die zahlungskräftige Wunschklientel in die Berge holen. Möchte man genau das?
  2. Wenn der DAV tatsächlich eine Kampagne für mehr eigenverantwortliches Verhalten in den Bergen fährt und den Leuten so “beibringen will”, nicht mehr so schnell zum Notruf zu greifen, riskieren sie damit unweigerlich, dass Menschen in Notlage genau das tun: sich überlegen, ob sie den Kosten eines Einsatzes überhaupt gewachsen sind. Die Zahlen in der Bergunfall-Statistik werden dann sicherlich kippen, und es werden wieder weniger Blockierungen und Überforderungen gelistet – dafür aber mit Sicherheit wieder mehr Todesfälle. Weil die Leute Angst haben, sich Hilfe zu holen.

    Genau das steht jedoch im krassen Gegensatz zur eigentlichen Aufgabe der Bergrettung: Menschen in Notlagen zu retten.

    Wie man sich überhaupt ernsthaft überlegen kann, eine Hemmschwelle für Hilferufe künstlich ins vorhandene System einzubauen, ist mir völlig schleierhaft und widerspricht zudem der Auffassung der Rettungsdienste. Die sind nämlich durchweg der Meinung, dass man möglichst frühzeitig Hilfe rufen sollte, und nicht erst, wenn man unterkühlt, bewegungsunfähig und mit gebrochenen Beinen mehr tot als lebendig bei Gewitter in unzugänglichem Gelände liegt. Nur durch einen rechtzeitigen Hilferuf auch eines überforderten oder blockierten Bergsteigers nämlich kann verhindert werden, dass er versucht, sich aus Angst vor hohen Kosten doch noch irgendwie zu retten und sich so immer tiefer in die Scheiße reitet – womöglich bis zum tödlichen Absturz. Denn je einfacher eine Bergung für die Bergwacht zu leisten ist, desto sicherer ist es auch für die Bergretter.
  3. Zu guter Letzt: wer entscheidet, was die oft bekundete, angemahnte, befundene und beschumpfene Fahrlässigkeit ist? Die Bergretter vor Ort, der DAV im Gremium, die Justiz, oder womöglich der “gesunde Menschenverstand” desjenigen, der die Rechnung schreibt?

    Werden dann auch für einfache Bergwandertouren “bedingt steigeisenfeste Bergstiefel” Pflicht, damit man im Falle eines Falles nicht wegen “mangelhafter Ausrüstung” den Rettungseinsatz übernehmen muss? Macht dann nicht auch eine verpflichtende Schuhsohlen-Profiltiefenmessung Sinn? Ist es dann vorbei mit diesem Trailrunning und den total underequippten Turnschuhträgern am Berg, die sich und andere völlig unnötig in Gefahr bringen?

    Können wir dann endlich den Bergsport komplett sein lassen und besser noch ganz verbieten, denn dieser erfüllt ja eigentlich keinen konkreten gesellschaftlichen Zweck, außer vielleicht der dekadenten Bespaßung der Bergsportler selbst?

Ist diese Diskussion um Bergsport, Risiko und Unvernunft vielleicht gar Ausdruck einer ganz speziellen Lage der Gesellschaft? Robert Pfaller, Kulturwissenschaftler aus Wien, diagnostizierte der Gesellschaft schon 2008 in Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft: Symptome der Gegenwartskultur ein ernsthaftes Problem mit der Unvernunft, die so ganz und gar unökonomisch ist, ein Luxus, den man sich zu Leisten heute schämt.

Um nun endlich auch etwas Versöhnliches in die Diskussion einfließen zu lassen, schließe ich meinen Kommentar… mit völlig unvernünftiger Musik!

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4 Kommentare

  1. Wie wahr, wie wahr! Ich denke, jeder von uns hat sich schon mal durch einen blöden Fehler in Gefahr gebracht und daraus hoffentlich etwas gelernt. Zum Glück musste ich nie die Bergwacht rufen, wahrscheinlich wäre ich sogar eine von denen, die es zu spät tun würden. Keiner lässt sich leichtfertig retten. Hähme ist da vollkommen unangemessen.

    • Danke lecw für Deinen Kommentar und den Hinweis, dass niemand vor Fehlern gewappnet ist!

  2. Super Kommentar, der genau die Sachlichkeit in die Diskussion bringt, die hier schon lange abhanden gekommen ist.

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