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    Italiens wilde Seite: Gratwanderung im Val Grande

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    Italiens wilde Seite: Gratwanderung im Val Grande

    Der Parco Nazionale Val Grande, westlich des Lago Maggiore, verspricht Abgeschiedenheit und Wildnis – und eine einsame Wanderung.

    Tag 1: Cicogna – Alpe Curgei

    Wir kurven die schmale Straße nach Cicogna hoch und sind froh, dass sie auch dem Taxifahrer schmal erscheint. Kurz zuvor noch sind wir vom Bodensee aus quer durch die Schweiz gefahren, haben am Hotel Dislocanda den Mietwagen abgestellt und dem Wirt Bescheid gesagt – natürlich nicht ohne den obligatorischen Espresso getrunken zu haben.

    Nun stehen wir im leicht nebeligen Cicogna, richten uns und unsere Rucksäcke her und steigen zum Fluß ab. Der Weg ist glitschig und tatsächlich legt sich der erste Wanderer unserer Sechsergruppe erst einmal hin. Mit einem leicht verbogenem Teleskopstock starten wir also die Tour. Die Kühle des Flusses hinter uns lassend, steigen wir auf der anderen Seite auf. Es ist plötzlich schwül, jedes Schwitzen ist vergeblich. Immer weiter, immer steiler steigen und schnaufen wir, kein Stück flachen Weges bietet Erholung. Die Gruppe zieht sich auseinander, die Abstände verkürzen sich wieder. Alte, zerfallene Häuser aus rohem Stein, der dunkle, tropfende Wald, Stille.

    Langsam spüre ich die Waden. Keine Stufen, keine Tritte, einfach nur steiler Waldboden. Am Grat oben angekommen öffnet sich der Blick und das Herz: was für eine Gegend! Ein tiefes, enges Tal, dicht bewaldet. Am Hang gegenüber klammert sich Cicogna fest, bricht aus dem Wald heraus. Man meint, dünne Rauchsäulen aus den Kaminen aufsteigen zu sehen.

    Es beginnt zu nieseln, ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt Abkühlung bedeutet oder ich doch meine Regenjacke überziehen soll. Laut Karte sind es noch ein paar Höhenmeter und wir müssten am Tagesziel, dem Rifugio Curgei, ankommen. Tatsächlich taucht dies bald aus dem Nebel auf. Aber was bedeutet schon “bald” auf einer mehrtätigen Wandertour wie dieser. Eine kurze Erkundungstour: Brunnen, Haus mit Küche, Schlafplätze oben, sogar etwas trockenes Holz, eine Toilette und im Nebenhaus noch etwas mehr Holz. Direkt entzünden wir im alten Ofen ein knisterndes, wärmendes Feuer, ziehen uns um und richten uns gemütlich ein.

    Die Rifugio-Kultur hier im Val Grande öffnet sich mit dem Küchenschrank: hier gibt es alles! Nudeln, Reis, Öl, Salz, Kerzen, Geschirr und vieles mehr. Offensichtlich schleppt man hier etwas mit hoch, um es für die Nachfolgenden im Schrank zu deponieren. Beim nächsten Mal weiß ich das und bringe etwas mit. Für dieses Mal nehme ich gerne das Angebot an und koche eine große Kanne Kaffee.

    Wie hilflos man vor so einem alten, stählernen Stahlungetüm von Ofen stehen kann. Viele Öffnungen, Läden, Hebel, Schubladen – und die Beschreibung bildlich an der Wand – allerdings auf italienisch beschriftet. Irgendwie kriegen wir das Ding in Gang, der Kaffee ist fertig und wir sind komplett eingenebelt. Jemand kommt auf die Idee, den Kamin von außen zu öffnen. Wir sind uns allerdings nicht sicher, ob das öffnen der Luke wirklich etwas gebracht hat. Immer wieder öffnen wir die Türe, um den Qualm raus und Sauerstoff rein zu lassen – und fallen nach dem Essen auch bald erschöpft in die Betten, Isomatten und Schlafsäcke.

    Tag 2: Alpe Curgei – Passo del Diavolo – Rifugio Forno

    Der Morgen in dieser Hütte ist so gemütlich, dass wir uns beim Frühstück, Aufräumen und Packen viel Zeit lassen und erst gegen zehn Uhr los kommen.

    Von der Hütte weg, weiter oben, umfängt uns immer dichter werdender Nebel. Wir trotten dahin, sanft ansteigend, und machen eine kurze Pause an der Kapelle Pian Cavallone.

    Bei schönem Wetter und guter Sicht ist es bestimmt schön hier oben, aber momentan sieht man keine 20 Meter weit. Die Wegweiser zeigen in Richtung Monte Zeda, unterhalb des Gipfels ist unser Tagesziel, die Alpe Forno. Mit unseren rudimentären Italienischkenntnissen entziffern wir noch, dass der Weg nun schwieriger werden wird. Difficile halt.

    Tatsächlich müssen wir bald die Hände zu Hilfe nehmen, überall sind jedoch dicke Eisenketten zum Festhalten angebracht. Mir macht solch eine interessante Wegführung natürlich Spaß, insgeheim hoffe ich auch, dass das noch länger anhalten wird. Immer wieder versperren Felsriegel den Weg, die überklettert werden wollen. Wenn wir heute schon keine schönen Ausblicke bekommen, so bekommen wir doch etwas Spaß auf dem Bergpfad.

    Wie auf jeder Bergtour gibt es ab nun weniger Photos, die Konzentration und die Hände werden für wichtigere Dinge gebraucht. Mir schwirrt die Wettervorhersage durch den Kopf: ab spätem Mittag Gewitter – und wir sind noch nicht einmal auf dem Grat. Noch ein Aufschwung, und ein weiterer. Bald sollten wir auf dem Passo del Diavolo sein, von dort aus ist es dann nicht mehr weit zur Hütte. 

    Ein weniger erfahrener Mitwanderer stöhnt und flucht: er hat Höhenangst. Meinen Kommentar, dass es dann doch ganz gut sei, dass man nichts sieht, kommentiert er, zugegeben zurecht, barsch. Wir bugsieren ihn über die riskanteren Stellen, helfen wo wir können. Ich bin hin und hergerissen. Wir müssen schnellstens vom Grat runter, das Donnergrollen ist direkt über uns – und wir sind immer noch auf dem Grat, überall hängen aus der Wand gerissene Sicherungsketten. Aber einen verängstigten Wanderer anzutreiben kann in diesem Gelände riskant sein. Er spürt den Druck schon selbst, und er kämpft sich durch. Langsam zwar, aber stetig. Respekt vor dieser Leistung, nicht wenige hätten sich wohl hingesetzt und geweint, er kommentiert trocken: “Das ist ja wohl kein Wandern mehr, das ist doch Bergsteigen!”.

    Etwa bei der Capella Marona reißt es etwas auf. Die Kapelle wäre unsere erste und einzige Möglichkeit gewesen, uns in’s Trockene und sichere Innere eines festen Gebäudes zurückzuziehen. Tatsächlich bricht – für kurze Zeit – die Sonne durch die ansonsten dichte Wolkendecke. Wir nehmen uns Zeit, recken und strecken uns, kochen sogar Kaffee.

    Kaum wieder auf dem Weg geraten wir in’s Zentrum des Gewitters. Das Gelände wird nicht einfacher, überall herausgerissene Ketten, verbogene Pfosten. Sichtweite ist etwa 20 Meter, in dieser Suppe sieht man nicht einmal die Blitze. Es wird immer wieder kurz hellgrau, fast weiß, dann wieder dunkel. Endlich, der Abzweig, der die Ostflanke des Monte Zeda quert. Auf der gleichen Höhenlinie bleibend, gut ausgebaut, geht es nun flott voran. Das Wasser schießt nur so über die Felsen, ich halte noch kurz meine Wasserflasche in den Bach. Eiskalt läuft das Wasser in den Ärmel. An der Hütte soll es kein Wasser geben, also heißt es jetzt auffüllen. Schnell weiter.

    Plötzlich ist es vorbei, wie durch eine Wand treten wir in die Sonne. Ein Regenbogen, an dessen Ende die Hütte zu finden ist! Staunend stehen wir da, einfach nur froh, dass das Gewitter über uns hinweg gezogen ist, wir darunter hindurch geeilt sind. Durchnässt, zitternd, gehen wir langsamer bis zum Sattel. Von hier aus sieht man die Hütte, drei kleine Häuslein. Nach einer Verschnaufpause und Sonnetanken steigen wir den mühsam in die Felswand gehauenen Steig hinab und queren zur Hütte hinüber. 

    Dampfend lehnen die Schuhe am offenen Kamin, wir essen und palavern noch lange und verkriechen uns dann in die Schlafsäcke.