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    Ein Jahr ist es nun her und die Nebel lichten sich wieder

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    Ein Jahr ist es nun her und die Nebel lichten sich wieder

    Das Bild trifft es ganz gut: so langsam zieht der Nebel zu und raubt mir den Ausblick. Die Schmerzen halten sich zwar in Grenzen, aber ich bin schwach. Sehr schwach. Noch immer glaube ich, ich komme noch mal davon. Wie schon so oft in den letzten beiden Dekaden. Zwei Monate später breche ich im Treppenhaus zusammen und lasse mich in’s Krankenhaus einweisen.

    Seit Wochen, vielleicht sogar seit Monaten schon merke ich, wie sich der Crohn regt. Ich ignoriere es. Zu viele Dinge zu erledigen, so viele Ideen, die umgesetzt werde wollen. Anfang Oktober, an meinem Geburtstag, koche ich für meine Freunde – und kann selbst nichts davon essen.

    Wenige Tage später lädt mich meine damalige Partnerin auf ein Wellnesswochenende ein. Alles ist wie in Watte gepackt, ich bekomme eigentlich schon nichts mehr mit. Ich freue mich auf die Berge, auf Wellness. Denke, das wird mir gut tun. Ich schiebe mich meterweise die Berge hinauf. Schön ist es hier, in Österreich. Ich bekomme also doch schon etwas mit, aber immer nur kurz, Bruchstückhaft. Mein Herz schlägt wie verrückt, ich bekomme Schweißausbrüche. Dann geht es wieder. Mache mir Sorgen, ob ich auch genug Toilettenpapier eingepackt habe. Hier oben gibt es kaum Büsche, was wenn… Die wenigen Tage vergehen schnell, und ich fühle mich unter Druck gesetzt: Genieße, verdammt! Ich tu mein Bestes, schaffe es auch, zumindest teilweise, zu genießen und nicht einfach heulend und jammernd zusammenzubrechen.

    Vom nächsten Monat, dem November, weiß ich kaum mehr etwas, ich verbringe wohl viel Zeit im Bett und auf dem Klo. Tägliche Besorgungen fallen immer schwerer, ich habe keine Kraft mehr. Die vier Stockwerke komme ich mit dem schweren Rucksack nicht mehr hinauf. Die Nachbarn, beide Ärzte, erschrecken sich gehörig, als sie mich schweißüberströmt und benommen auf dem Treppenabsatz liegen sehen. Meine Freunde beginnen, sich sehr ernsthafte Sorgen zu machen. Mein Zustand ist schon zu weit fortgeschritten, ich mache mir schon keine Sorgen mehr, sehne mich nur noch nach Ruhe und hoffe bei jedem Schritt, nicht wieder einfach Ohnmächtig zu werden. Keine Kraft mehr. Kein Hunger mehr. Nichts geht mehr.

    Ich sitze beim Arzt. Schweissausbrüche. Kurze Diskussionen, ob Behandlung zu Hause oder im Krankenhaus. Mir egal, mir geht es schlecht. Lasse mir das aber nicht anmerken, natürlich. Versuche zu lachen und zu scherzen, ich bin ja so stark. Eindeutig der falsche Zeitpunkt für derlei Spielchen, ich bemerke es nicht. Meine Partnerin rettet die Situation und besteht auf Einweisung.

    Dezember. Krankenhaus. Mein Leben, wie ich es bisher kannte, ist komplett verändert. Zimmer statt Berge. Meine ganz persönliche Schutzzone, ein Radius von etwa 40 Zentimeter um mich herum, erhält mich am Leben. Die Beziehung geht zu Ende, genau hier und jetzt, im Krankenhaus. Ich kann’s ihr nicht verübeln, ich verdränge, denn ich brauche jetzt Schutz und Kraft, einfach nur um zu überleben. Wenn sie das nicht leisten kann oder will, muss ich es selber tun. Unter Medikamenteneinfluss verschwimmt alles, das Leben und die Gefühle, noch mehr, ich bin mehr kaputte Hülle und herzlich wenig Mensch. Es muss ein grausames Bild gewesen sein. Gedanken an die Zukunft verschiebe ich auf die Zukunft, Gedanken an die Vergangenheit haben keinen Platz. Nur hier, jetzt, heute. Keine Pläne. 

    Schwester, bekomme ich einen Rollator? Ich muss hier raus! Den Tropf gegen die ständig drohende Deydrierung unter den Arm geklemmt, gestützt auf den Rollator, stehe ich in der Raucherecke. Mehr Hüllen als Menschen, jeder hat seine Geschichte, sein leiden. Ich kippe um. Dumme Idee, in diesem Zustand das Bett zu verlassen. Noch dümmer, mit diesem Kreislauf, der kaum mit mir zum Aufzug kommt, eine Zigarette zu rauchen.

    Im Krankenhaus päppeln sie mich wieder halbwegs auf, nach zehn Tagen bin ich wieder in meinem eigenen Bett. Vierzehn Tage warten bis zur Reha. Dazwischen: Weihnachten, Sylvester, Mutter quartiert sich ein und versorgt mich. Schmerzen, Cortison, Azathioprin und Opiate.

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