Lange Tagestour (ca. 28km) von Locarno (200m) über Pizzo Leone, Mottone und Fumadiga (2010m) nach Brissago (200m) mit wunderschöner Aussicht über den großen Lago Maggiore.

Wir kommen zu zweit um kurz vor Mitternacht in Locarno an, die größte Stadt am Lago Maggiore, und Mittelmeer-Feeling umgibt uns praktisch sofort. Die milde Luft, der sternenklare Himmel, die Palmen und die etwas bröckelnde Architektur erinnern an Italien. Klar, wir sind ja auch im Tessin! Die feiernden Jugendlichen gibt es dagegen in jeder Stadt. Unter gelegentlichem Zuprosten laufen wir über den Piazza Grande in Richtung des Flusses, über eine Brücke erreichen wir Ascona. Immer noch eben geht es eine lange Strasse durch den hier ruhigen Ort und wir erreichen das Westende der bevölkerten Ebene, wo dunkle bewaldete Bergrücken emporragen. Der Stadtteil hier nennt sich San Rocco. Wir finden den Wanderweg Richtung Arcegno und stapfen in der warmen Luft im T-Shirt hoch. Schnell befinden sich die Lichter der Ebene weiter unter uns, dann flacht der Weg ab und man erreicht ein kleines Moor. Hier geben sich offensichtlich die lokalen Froschkolonien ein Stelldichein, es quakt und quäkt dass es kracht… Wir stören nicht weiter und erreichen kurz darauf Arcegno, ein typisches kleines Tessiner Dorf. Der alte Kern ist wunderschön, Steinhäuschen und enge Gässchen verbreiten mediterranes Flair. Aussenrum moderne Häuser und ein wenig Gewerbe. Hinter dem Dorf folgen wir dem Wanderweg Richtung P.738, wo wir uns knapp hinter dem Wasserwerk ein ebenes Plätzchen suchen und uns schlafen legen.

Der Wecker klingelt um 6 Uhr, die Sonne leuchtet schon durch die grünen Bäume, und halbwegs frisch machen wir uns auf den Weg. Dieser führt steil durch den Wald hinauf, die Zeitangaben auf den Wegweisern stimmen ganz gut. Irgendwann lichten sich die Bäume und machen den Blick frei Richtung Süden, über den Lago Maggiore und die bewaldeten Hänge. An der Corona di Pinz angekommen, wird erstmal heftig eingecremt, die Sonne heizt schon ganz schön, da muss man aufpassen. Nun verläuft der Weg flach über den Rücken, mal im Wald, mal auf Lichtungen, an Casone vorbei, Ruine einer Alpe. Nach ca. einer Stunde erreicht man auf breitem Rücken die Alpe di Naccio (P. 1395), weitläufig ziehen sich hier die Wiesen den Berghang hinauf. Am oberen Ende des Alpgeländes steht ein Kreuz, hier teilt sich der Weg. Ganz nach rechts geht es auf einem langen Rücken auf den Pizzo Leone (P. 1659), den lassen wir jedoch rechts liegen und gehen geradeaus weiter Richtung Canva.

Der Weg schlängelt sich schmal auf steilem Grasgelände am Bergrücken entlang, vor uns schaut man auf die Cresta dei Lenzuoli. Das ist eine Ansammlung von steilen Erhebungen auf dem weiteren Grat Richtung Fumadiga, bevor der Pass Bocchetta di Valle kommt und es zum Gridone hinauf geht. Die Cresta kann man auf einem Steig auch in einigem Auf und Ab auf der Gratschneide begehen, da unser Tagesziel jedoch noch etwas weiter vor uns liegt, entscheiden wir uns für den Pfad, der nordwestwärts vorbeiführt, immer so 200 Hm unterhalb des Grates.

Bei Canva verlassen wir den markierten Wanderweg und folgen den Wegspuren, teils unter Schnee, welche den Pizzo Ometto umrunden. Der Weg liegt horizontal in sehr steilem und ausgesetzten Gelände, der Regen und der Schnee haben Teile des Weges gelockert oder abrutschen lassen. Rund um den Pizzo Ometto in den Lawinenzügen liegt noch viel Schnee, der vorsichtig überquert werden muss. An einigen sehr heiklen Stellen sind Ketten befestigt, manche davon müssen nach dem Winter allerdings erst kontrolliert werden, weil sie lose herumhängen. Dieser Weg kostet Zeit, aber nach der letzten heiklen Bachkreuzung bei P. 1608 wird es flacher und über Trittschnee (auf 1600m!!) steigt man am Pizzo Ometto vorbei durch die Fornale, ein kleines Tälchen. Über den Grat, der vom Pizzo Fedora herunterzieht, stapfen wir ans Ende des nächsten kleinen Tälchens und steigen in steilem Schnee in direkter Linie hinauf zum Gipfel des Mottone (P. 1968). Es lohnt sich, genau auf seine Tritte zu achten, ein Abrutschen hätte höchstwahrscheinlich fatale Folgen.

Vom Gipfel sieht man praktisch direkt “nebenan”, zum nur ca. 200 Meter entfernten Gipfel des Fumadiga. Ab hier wird der Grat allerdings recht wild, sodass wir auf mehr oder weniger erkennbaren Spuren hinauf und hinabsteigen, um zwei Gendarme herumkraxeln und mühsam den rechten Pfad suchen. Im Sommer wohl recht gut markiert, fehlen einem bei Restschnee ein paar entscheidende Markierungen (orange Punkte), und wir verlieren viel Zeit beim Suchen im steilen Gelände. Ein Lawinenzug wird zuletzt steil erkraxelt (ca. 50°), bevor man auf dem letzten Gratstück unschwierig den Gipfel des Fumadiga (2010m) erreicht. Ein schöner Gipfel, nahe des dominierenden Gridone, mit einer super Aussicht auf den Lago Maggiore.

Es ist jetzt 14 Uhr, die Wegstrecke von Canva über den Mottone hat sehr lange gedauert, das geht im Sommer (wenn gar kein Schnee mehr liegt), sicherlich in 1-1,5 Stunden.

Hier weht kein Wind, die Sonne ist hinter Wolken, die Temperatur ist sehr angenehm. Von hier oben kann man praktisch die ganze Route bis nach Locarno überblicken. Mit Händen und Füßen machen wir ein paar Italienern (oder Tessinern) klar, wo wir herkommen, denn alle anderen hier oben kommen von der anderen Seite, der Bocchetta di Valle, hinauf. Das sind 50 Hm, und die lohnen sich wirklich auf diesen Gratgipfel des Gridone!

Nach ausgiebiger Rast und verdauen des letzten anstrengenden Wegstückes machen wir uns auf den Weg, auf gerader Linie auf den letzten Schneeresten hinab zur Rif. Al Legn (1785m), wo wir nur kurz verweilen und Wasser auffüllen. Schliesslich gehts von hier noch 1500 Hm runter, und wir wollen den Bus um halb sieben erwischen. Deswegen machen wir uns rasch auf den Weg und joggen halb Richtung Mergugno hinunter. Der Weg führt bald in den Waldgürtel, es wird immer wärmer und die Tessiner Vegetation begeistert wie immer auf solchen Touren. Zur Linken geht es steil hinauf auf die Cresta, wo wir gerade eben noch herumgeturnt sind!

In Mergugno (P. 1037) angekommen geht es nacheinander durch kleine Ansammlungen von schönen Häusern und verfallenen Hütten, ein Stück die Strasse hinunter und im Wald dann wieder auf den Wanderweg. Wir rasten kurz vor der Kirche in Porbetto (700m), dann gehts weiter steil Richtung Incella. Hier ist man wieder in der Zivilisation, der Strasse folgen wir bis zu einer Abzweigung. Wir wollen nach Brissago, also folgen wir dem Wanderschild nach Brissago, logisch. Dieser führt uns aber kurz hinunter durch den Wald, über die Brücke und wieder hinauf nach Piodina! Da wär ich doch lieber die Strasse weitergegangen… In Piodina ist man auf jeden Fall auch schnell unten am See (198m), wo wir der Strasse nach Brissago folgen und dort fast um Punkt 18 Uhr ankommen. Das reicht noch, um die Füße wenigstens halbwegs im See zu “waschen”, bevor wir auch schon zum Bus rennen, der uns zurück nach Locarno zum Bahnhof bringt.

Als Eintagestour sehr lang. Eigentliches Ziel war der Gridone (2188m), höchster Gipfel direkt am Lago Maggiore. Durch die Kraxelei und Wegfinderei an den Cresta dei Lenzuoli kann sich das Ganze aber in die Länge ziehen, und so waren wir eben “nur” auf dem Fumadiga, auch sehr schöne Aussicht, vor allem auf den Gridone selbst :).

Cresta dei Lenzuoli im Sommer (ohne Schnee) sehr lohnenswert. Tolle Kraxelei in steilem Gelände, ist an den heiklesten Stellen mit Ketten o.ä. abgesichert. Trotzdem nicht unterschätzen! Das wichtigste: Viel zu Trinken mitnehmen! Wasser hat es nur bedingt auf der Alpe di Naccio, dann erst wieder auf dem Rif. Al Legn.

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Fabian
Fabian ist ein sportbegeisterter Student aus Konstanz, viel in den Bergen unterwegs, am Liebsten auf Skitouren, Bergtouren, Hochtouren, Hauptsache lang und anstrengend!

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