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Wild Campen, Zelten und Biwakieren

Wild Campen, Zelten und Biwakieren

Da mit dem Artikel "Die Reset-Taste für den Alltag: Microadventures" die Frage nach der rechtlichen Situation und der Praxis des Wildzelten in Deutschland oder eines Biwaks laut wurde, stelle ich hier kurz die rechtliche Situation vor sowie einige Tipps, was man unbedingt bei einer Übernachtung in der freien Natur oder im Wald - eben abseits von Campingplatz und Co. - beachten sollte.

Achtung, Disclaimer: dieser Artikel beruht auf meiner eigenen Meinung zum Thema. Er hat keinen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit stellt ausdrücklich keine Rechtsberatung dar und ersetzt eine solche auch in keinster Weise. 

Rechtliches zum wilden Übernachten

Alle Menschen in diesem Land sind frei. Es gilt das Gemeingebrauchsrecht sowie das Allgemeines Betretungsrecht. Ein Naturgrundstück (Flur), das nicht befriedet (zum Beispiel durch Zäune oder Hecken) oder durch Schilder als Privatgrund gekennzeichnet ist, ist der Allgemeinheit zugänglich. Öffentliches Gelände darf zum Zwecke der Erholung und des Naturgenusses von jedem genutzt und betreten werden - und zwar unabhängig von der Dauer. Also prinzipiell auch über Nacht. Diese Freiheitsparagraphen werden durch andere Gesetze, wie dem Eigentumsrecht, dem Naturschutzgesetz oder durch Sondernutzungsrechte berührt und eingeschränkt.

In Europa besteht im Zusammenhang mit dem Wildcamping ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Während Übernachtungen draußen in den skandinavischen Ländern einfach dazu gehören und auch durch das Jedermannsrecht (auch Allemansrecht) rechtlich gedeckt sind, sieht es hierzulande schon deutlich strenger aus. Für Deutschland (und vergleichbar auch für die Schweiz und Österreich) besteht ganz einfach ein Verbot für das Zelten ​auf öffentlichem Gebiet außerhalb gekennzeichneter Flächen. Dies ist meist durch das Bundes-Waldgesetz oder Landes-Waldgesetz geregelt, aber auch die Kommunen haben eigene Regelungen. 

Konkret bedeutet das: Übernachtungen im Zelt sind gesetzlich nur auf Campingplätzen oder eigens dafür eingerichteten Plätzen, wie zum Beispiel die Trekking-Plätze in Rheinland-Pfalz oder den Boofen in der Sächsischen Schweiz erlaubt, oder natürlich mit Erlaubnis auf einem privaten Grundstück - aber auch hier gilt die Einschränkung, dass selbst das Zelten auf Privatgrund verboten sein kann, zum Beispiel aus Naturschutzgründen. Man darf also in der freien Natur nicht einfach so sein Zelt aufschlagen.

Das reine draußen Übernachen im Zelt oder Biwaksack stellt in Deutschland jedoch keine Straftat dar, sondern eine Ordnungswidrigkeit. Dieser Unterschied ist wichtig, wie wir weiter unten noch feststellen werden. Jedoch können andere Delikte wie Sachbeschädigung (§303 StGB), Hausfriedensbruch (§123 StGB), oder über dem Wege des Naturschutzes oder Brandschutzes (§306 StGB) zu einer Anzeige und damit zu einer Geldstrafe oder sogar Freiheitsstrafe führen!

Offenes Feuer

Im Zusammenhang mit Wildcampen spielt auch der Umgang mit offenem Feuer immer eine Rolle: prinzipiell ist offenes Feuer wie Lagerfeuer oder Grillfeuer im Abstand bis 100 Meter vom Waldrand (gilt natürlich auch für Heiden, Mooren, bestellten Feldern etc.) verboten. Unter offenem Feuer sind auch Kerzen, Fakeln, Campingkocher und unter Umständen das Rauchen zu verstehen. Selbst das Herbeiführen einer Brandgefahr wird sanktioniert (§306f StGB). Für offenes Feuer gibt es, meist von Kommunen betriebene, öffentliche Grillstellen. Ansonsten muss eine Feuerstelle "geeignet sein", etwa durch eine nicht brennbare Unterlage wie eine Kiesbank oder ähnliches. 

Campieren

Das Campieren ist definiert als das "Nächtigen von Personen in mobilen Unterkünften wie Zelten, Wohnwagen, Kraftfahrzeugen [...] im Rahmen des Tourismus" - und ist verboten.

Lagern

Lagern bedeutet "pausieren" und ist im Gegensatz zum Campieren natürlich erlaubt. Man darf sich also zu einer Pause hinsetzen und hinlegen und sich dabei sicherlich auch vor dem Wetter schützen. Der Übergang zwischen Lagern und Campieren ist natürlich schwer festzumachen: lagerst Du noch oder campierst Du schon?

Biwakieren

Biwakieren ist eine Sonderform, nämlich das "Campieren außerhalb von Campingplätzen während eines kurzen, durch den Anlass gebotenen Zeitraums im hochalpinen Gelände" und ist erlaubt (wo es nicht explizit verboten ist...).

Die Praxis

Ich (und andere) würden das Biwakieren und wild campieren nicht ganz so umständlich fassen, sondern allgemeiner als "das freie Übernachten ohne Zelt" (allerdings mit Schlafsack, Isomatte, Hängematte, Biwaksack oder Tarp), auch außerhalb hochalpinem Gelände, verstehen.

Verhaltenstipps für Draußen

Wenn man Vorsicht und Umsicht walten lässt und folgende Punkte einhält, befindet man sich meiner Meinung nach mindestens in einer rechtlichen Grauzone:

  • Prinzipiell nicht übernachten auf Privatgrund oder in Natur- und Landschaftsschutzgebieten, Nationalparks, Biosphärengebieten, Naturdenkmälern, Naturparks usw. und zwar egal ob im Zelt oder "einfach so".
  • Naturverträgliches und gefahrenvermeidendes Verhalten: kein Feuer machen, nicht stören, lärmen oder sonstwie negativ auffallen, je weniger offensichtlich (Stichwort "Zelt") desto besser, kein Müll oder andere Verschmutzungen hinterlassen.
  • Ganz einfach: durch das eigene Verhalten und die Wahl des Lagerplatzes dafür sorgen, dass man nicht erwischt wird - und wenn, dass es möglichst wenig Konsequenzen haben kann.
  • Während ein orangefarbenes Zelt am Lagerfeuer neben einem Waldweg im Naturschutzgebiet nicht wirklich in Ordnung ist, finde ich die Übernachtung im Biwaksack etwas "verdeckt" in Ordnung - das dürfte wohl in den meisten Fällen auch Passanten, Förstern oder Polizisten so gehen. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung zwischen Ordnungswidrigkeit und Straftat. Vom Bußgeld einer Ordnungswidrigkeit kann abgesehen werden, bei einer Straftat muss ermittelt werden.

Erwischt - und nun?

Falls man "erwischt" wird, sollte man sich auf jeden Fall einsichtig zeigen und höflich bleiben. Einsicht kann ein eventuelles Bußgeld nach geltendem Verwaltungsrecht senken! Ich persönlich finde folgendes Vorgehen richtig und bewährt: man weist sich freiwillig durch den Personalausweis aus und verspricht, sich über Nacht ruhig zu verhalten und den Platz so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hat. Insbesondere nimmt man seine Abfälle wieder mit. Schließlich ist man nicht an einer Party oder ähnlichem interessiert, sondern am Naturerlebnis, und weiß das auch zu schätzen und einzuordnen. Solche ernstgemeinten Aussagen sollten die Situation entschärfen.

Situation in Österreich und der Schweiz

Für Österreich hat der OeAV eine Broschüre zum Biwakieren herausgegeben. Kurz gefasst ist die Situation ähnlich wie in Deutschland: ein Notbiwak in alpinem Gelände ("alpines Ödland") ist erlaubt, ein geplantes Biwak ist gleichzusetzen mit "Zelten" und wird geahndet. Die konkreten Regelungen unterscheiden sich aber je nach Bundesland. Auf der Webseite des OeAV ist dies aber gut zusammengefasst.

In der Schweiz ist es, durch die differierenden Gesetzgebungen der Kantone, noch verwirrender. Auch hier nennt der SAC ein Biwak oberhalb der Baumgrenze "unproblematisch". Der SAC hat eine Broschüre zum Biwakieren herausgegeben, die auf der Webseite zum Download bereit steht.

Situation in anderen europäischen Ländern

Laut Focus ist das Wildcampen besonders in Spanien, Italien, Griechenland und Frankreich illegal und es drohen horrende Strafen oder sogar Gefängnis. In Spanien werden sogar Hubschrauber bei der Jagd nach Wildcampern eingesetzt.

Fazit

Insgesamt kann man festhalten: ein Notbiwak ist, vor allem oberhalb der Baumgrenze, überall toleriert. In Naturschutzgebieten oder sonstigen ausgewiesenen Schutzbereichen ist das Nächtigen, egal wie, selbstverständlich verboten. Das sollten wir auch respektieren, denn Schutzgebiete sind - aufgrund der steigenden Zahl von Wanderern und Bergsteigern - wichtig wie nie zuvor. Gönnt den Tieren ein Rückzugsgebiet, sie stehen eh schon unter Stress, denn ihr Lebensraum wird, gerade durch uns Outdoormenschen, immer weiter zurückgedrängt.

 

Tipp: die praktische Packliste für Microadventures // acht Tipps fürs Biwakieren // Winterbiwak